SM und Behinderung

Zwischen Vorurteilen, falschem Mitleid, ganz normalen sexuellen Bedürfnissen und praktischen Schwierigkeiten

Geistige Behinderung

Das Problem in Zusammenhang mit SM ist, dass vieles, auch bereits der Schlag mit der flachen Hand, den Tatbestand einer Körperverletzung erfüllt.
Die Strafbarkeit dieses Verhaltens entfällt jedoch mit der Zustimmung des voll geschäftsfähigen devoten Partners.

Gerade die Geschäftsfähigkeit steht im Fall der geistigen Behinderung jedoch in Frage.

Nun sind geistig Behinderte nicht automatisch geschäftsunfähig.
Vielmehr kommt es auf den Einzelfall an; auf die geistige Einsichtsfähigkeit.

Entscheidend ist allerdings: Während man als dominanter Partner in der Regel von der Geschäftsfähigkeit eines erwachsenen devoten Partners ausgehen darf, sofern nicht Anhaltspunkte für das Gegenteil vorliegen, gilt diese Vermutung bei geistig Behinderten nicht.
Hier muss man sich gesondert vergewissern, dass der Partner weiß, was er tut bzw. erduldet, die Konsequenzen überblickt, und dies auch tatsächlich will. Ob also eine freie Willensbildung und eine freie Entscheidung möglich sind.

Das betrifft übrigens, was auf der Hand liegt, nicht nur die speziell SM-typischen Spiele, sondern die gesamte Sexualität überhaupt - auch der Geschlechtsverkehr mit einem Behinderten, der nicht wirksam zustimmen kann, ist schließlich eine Straftat.
Deshalb ist auch der weniger problematische Fall des geistig Behinderten, der die dominante Rolle anstrebt, nicht zu unterschätzen.

Damit ist große Vorsicht angebracht.
Im eigenen Interesse; und im Interesse des behinderten Menschen, um den es geht. An dem man wirklich eine Körperverletzung begehen würde, nutzte man seine geistige Schwäche aus.

Die übrigens ja möglicherweise nur nach unseren eigenen beschränkten Vorstellungen überhaupt eine Schwäche ist.
Eigentlich geht ein geistig "Behinderter" nicht unbedingt schlechter und begrenzter an das Leben heran als wir - sondern nur anders.
Da allerdings wir anderen die Mehrheit bilden, sind unsere Maßstäbe diejenigen, nach denen sich jeder zu richten hat.

Das Ergebnis ist eigentlich schon allgemein im Hinblick auf ein "normales" Sexleben ein enormes Handicap; und jedenfalls im Hinblick auf die Spiele mit der Macht und dem Schmerz ist die Konsequenz, dass entsprechende Wünsche des geistig Behinderten im Zweifel unerfüllt bleiben. Schon aus Angst.
Den Betreuer eines nicht geschäftsfähigen Erwachsenen wird man kaum um Erlaubnis bitten wollen.

Untersuchungen dazu, inwieweit spezielle sadomasochistische Wünsche auch bei geistig Behinderten vorhanden sind, fehlen - was niemanden überrascht.
Schließlich treffen hier gleich zwei Tabuthemen aufeinander.

Wenn solche Wünsche vorhanden sind, und wenn der behinderte Partner in der Lage ist, sie einzuschätzen, und in der Erkenntnis zuzustimmen, was er tut, spricht aber überhaupt nichts gegen auch solche Spiele.
Wie man dabei sichergehen kann? Ganz einfach - wenn ein behinderter Mensch andere Rechtsgeschäfte wirksam vornimmt und vornehmen darf, dann gilt das auch für die Einwilligung in ein erotisches Spiel.
Und schließlich: Stimmt ein nicht Behinderter zu, muss ich auch immer noch meinen Verstand fragen - schließlich besteht sehr wohl die Möglichkeit, dass der Partner am nächsten Tag doch lauthals nach dem Staatsanwalt ruft.
Wer die dazu notwendige Intuition und Überlegung auch im Fall einer Behinderung einsetzt, wird ebenfalls recht genau wissen, was er tun kann und was nicht.

Allerdings ist besonders bei SM mehr Vorsicht als sonst angebracht; mit Rücksicht also auf die geistige Entwicklung.
So wie wir einen geistig Behinderten nicht mit der Relativitätstheorie überfordern würden, sollte das gleiche für Spiele der härteren Gangart, zumal Grenzspiele gelten. Wer geistig eher der Norm entspricht und beweglicher ist, trägt nun einmal die größere Verantwortung.

Geradezu tragischerweise sind viele geistig Behinderte in ihren sexuellen Äußerungen sehr direkt und ungehemmt.
Komplizierte und ebenso hinterlistige wie nutzlose Katz-und-Maus-Spielchen fehlen durchweg; statt dessen findet man eine erfrischende, aber auch in manchen Situationen für die Zuschauer peinliche Offenheit.

Jede Behinderung ist individuell, ebenso wie die Sexualität.
Etwas, das es unmöglich macht, hier starre Feststellungen zu treffen und Regeln aufzustellen.

Es ist aber sicherlich nicht überraschend, dass sexuelle Wünsche unabhängig von einer wie auch immer gearteten Behinderung existieren und ausgelebt werden wollen.
Eine Gesellschaft, die das nicht sieht, schützt und fördert auch bei den schwächeren Mitgliedern, ist nicht nur heuchlerisch, sondern auch dumm.
Außer mit Gewalt - und darunter verstehe ich auch die ungenehmigte Gabe chemischer Stoffe - lässt sich der sexuelle Drang nicht unterdrücken.

Wohin das führt, in der Konsequenz, eine solche Einteilung in lebenswertes und lebensunwertes Leben, haben wir im Dritten Reich gesehen.

Sinnvoller ist es deshalb, mit besonderer Aufmerksamkeit das Ausleben zu unterstützen, zu begleiten - und zu schützen.
Vor Missbrauch; in solchen Fällen womöglich eine größere Gefahr - und eine größere Grausamkeit.

Diese Förderung beginnt im Kindesalter - mit liebevoller Zuwendung, auch per "Hautkontakt".
Sie setzt sich fort über die Pubertät, die ihre individuelle, ganz spezielle Aufklärung fordert und Hilfe bei der Selbstbefriedigung zum Beispiel. Wo vor allem eine gewisse Zurückhaltung in der Öffentlichkeit ebenso liebevoll wie strikt anerzogen werden muss wie andere Dinge - Sauberkeit, Umgangsformen, Essen und vieles mehr; und wo man solche Situationen, kommen sie doch einmal vor, aber auch nicht zur Katastrophe hochstilisiert.
Und sie mündet darin, dass wir alle geistig Behinderten als vollwertige Menschen mit ihren eigenen Bedürfnissen anerkennen.

Wir müssen diese Bedürfnisse nicht nachvollziehen können oder gutheißen; gerade uns SM'ler akzeptiert auch nicht jeder.
Umso toleranter sollten wir also anderen Randgruppen gegenüber sein.

Ganz davon abgesehen kann die Unterdrückung sexueller Wünsche für den Betroffenen und damit mittelbar auch für seine Umgebung nur nachteilige Folgen haben wie einen Anstieg an Aggressivität und anderes.

Natürlich stellt sich das Problem der Verhütung.
Ist sie nötig oder nicht; und in welcher Form?
Eine fehlende Geschäftsfähigkeit verhindert auch die wirksame Zustimmung zu einer Sterilisation als der endgültigen Problemlösung.
Und das ethische Problem - vom juristischen einmal ganz abgesehen -, ob und wann eine solche allein über die Zustimmung eines Betreuers durchgeführt werden darf, ist noch lange nicht gelöst.

Selbst die Pille stellt einen körperlichen Eingriff mit manchmal schweren Folgen dar.
Und dürfen wir überhaupt so selbstherrlich verhindern, dass geistig Behinderte Kinder haben?
Selbst wenn sie sich nach der Geburt liebevoll und absolut zureichend darum kümmern können?

Selbstverständlich übersehen wir nicht die allein schon wirtschaftlichen Folgen für eine Gesellschaft von Nachwuchs, der bei Vererbbarkeit möglicherweise ebenfalls geistig behindert ist und damit nur eine Belastung für die Gesellschaft.

Wenn man es einmal ganz kalt betrachtet.
Und wenn man vergisst, dass wir alle unsere Schwachpunkte haben.

Wollen wir wirklich, dass ein Staat gnadenlos darauf herumreitet?

Wer das fordert, muss damit rechnen, selbst an dieser Richtschnur gemessen zu werden.
Was bedeutet, dass er beispielsweise, ebenfalls ohne jede Chance auf zukünftigen Sex unter anderem, "aussortiert" wird, sobald ihn eine Krankheit oder das Alter untauglich dafür machen, der Gesellschaft weiterhin von Nutzen zu sein.

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Hörbehinderung

"Der versteht mich nicht - also ist er dumm!"

Ein Vorurteil, mit dem Hörbehinderte oft zu kämpfen haben.
Dabei liegt die Tatsache, dass sie leise oder schnelle Sprache nicht (vollständig) aufnehmen, zwar in der Tat an etwas, was sie im Kopf haben bzw. eben nicht haben.
Allerdings betrifft das nicht die Denkfähigkeit, sondern die reine akustische Wahrnehmung.

Sie hören einfach schlecht.

Bei allem Verständnis dafür, wie anstrengend es sein kann, bewusst langsam und deutlich zu sprechen, Dinge wiederholen zu müssen, wenn Sie mit einem Hörbehinderten reden - haben Sie sich schon einmal überlegt, wie mühsam und anstrengend für ihn die ganz normale Kommunikation ist?
Versuchen Sie es.
Setzen Sie einen Kopfhörer auf. Einen von den guten, altmodischen, die die gesamte Ohrmuschel umgeben. Am besten noch gleich mit leiser Musik darin.
Bitten Sie jetzt einen Freund, sich mit Ihnen zu unterhalten. Danach wissen Sie, wie furchtbar kräftezehrend es ist, bei mangelnder Hörfähigkeit den Worten anderer zu folgen.
Immer wieder gehen einzelne Silben, ganze Worte verloren, Sie müssen den Sinn selbst ergänzen - und was bei einer solchen stillen Post herauskommt, wissen wir alle seit der Schulzeit.

Hilfreiche Unterstützungsmethoden wie das Ablesen von den Lippen beherrschen viele - einfacher macht es die Sache jedoch nicht; im Gegenteil kostet es noch mehr Kraft, sich auf Akustik und Lippenbewegungen gleichzeitig konzentrieren zu müssen.

Ein weiteres Problem: Wer schlecht hört, hört sich auch selbst nicht richtig.
Das oben erwähnte Beispiel mit dem Kopfhörer - fragen Sie Ihr Gegenüber einmal, wie Ihre eigenen Antworten ausgefallen sind.
Zu laut, zu leise, verwaschen?
Sie haben die Kontrolle über Ihre eigene Stimme verloren, richtig?
Dadurch kann diese auf andere unangenehm wirken.

Merken Sie sich das für die Situation, wenn Sie am anderen Ende der Kommunikation mit einem in der Hörfähigkeit eingeschränkten Menschen stehen - und zügeln Sie Ungeduld, Unverständnis und Ablehnung.
Schlecht hören können ist schließlich kein Charakterfehler.

Nicht immer lässt sich das Problem durch Einsatz technischer Hilfsmittel wie Hörgeräte oder Operationen beseitigen.
Manche müssen einfach ihr Leben lang damit irgendwie zurechtkommen.
Mit der Schwerhörigkeit - oder womöglich gar der Gehörlosigkeit, der Taubheit.

An den erotischen Wünschen ändert sich dadurch nichts.
Sicherlich in den meisten Fällen auch nicht an dem Ausleben derselben; außer bei Partnern mit Vorurteilen.

Bei SM-Spielen allerdings, bei denen es in der intimen Kommunikation zwischen dominantem und devotem Partner auf winzigste Nuancen ankommt, kann die Schwerhörigkeit doch zum ernsthaften Hindernis werden.
Leise Laute sind es, wortlose Äußerungen, die dem Top zeigen, ob er weitergehen darf, sanfter werden muss, oder aufhören sollte.
Oder ein in einem Ächzen bis fast zur Unkenntlichkeit verstümmeltes Safeword.
Wer all dies nicht hört, kann darauf nicht reagieren und ist somit in der Fähigkeit zur verantwortungsvollen Führung seines submissiven Partners möglicherweise eingeschränkt.

Andererseits schärfen sich bei vielen Hörbehinderten die anderen Sinne, und sie sind durchaus in der Lage, auch feinste Schwingungen aufzunehmen, die ein anderer gar nicht mitbekommt, der sich lediglich auf die akustische Wahrnehmung beschränkt.

Übersehen sollte man diese mögliche Schwierigkeit allerdings nicht und sich besonders bei härteren Spielen auch auf andere Sicherheitsstrukturen verlassen als ein gesprochenes Wort.
Ständiger Hautkontakt, besonders ein Arbeiten Hand in Hand, im wörtlichen Sinne, bei dem Stimmungen und Stimmungswechsel durch einen leichten Druck oder das Ausbleiben einer Reaktion auf einen solchen erkannt werden können, sind da im Zweifel verlässlicher.

Ist der hörbehinderte Partner derjenige, der die devote Rolle übernimmt, kann es zu ähnlichen potentiellen Missverständnissen kommen.
"Soll ich weitermachen?" hat der Partner gefragt; aber verstanden wurde "Nicht weitermachen?"
Nur ein offensichtliches Beispiel.

Hier wird vom dominanten Partner ein ähnliches Einfühlungsvermögen verlangt, wie der schwerhörige devote es infolge seiner Behinderung entwickeln musste.
Das ist weniger schwierig zu erreichen, als man denkt.
In einer Beziehung stellt man sich immer aufeinander ein und lernt voneinander.

SM und Hörbehinderung - es sind überwindbare Probleme, die dabei auftreten.
Nichts, das dem freien Ausleben tiefer sexueller Wünsche ernsthaft im Wege steht.

Nur etwas, das Rücksicht auf die Gegebenheiten erfordert.
Ein wenig Nachdenken.

Und das können wir doch, oder?
Schließlich fehlt uns beiden nichts im Kopf, was das Überlegen angeht - dem Behinderten wie dem Nichtbehinderten.

Ergänzung durch einen Betroffenen:

Den Partner mit allen Sinnen genießen, bedeutet ja auch, daß man die akustische Hürde durch andere Beobachtungen und Signale kompensieren kann. Mit etwas Phantasie kann der dominante Partner sich in der Rolle des Befehlenden auf jene spielerische Situationen beschränken, wo Sichtkontakt besteht, so daß der hörgeschädigte devote Partner die nötige Sicherheit erhält, was das akustische Verständnis angeht. Diese Situation ergibt sich immer wieder mal und sollte bewußt für eine gesicherte Rückkopplung genutzt werden. Die meisten hörgeschädigten Menschen haben die größten Verluste im hochfrequenten Bereich. Somit werden Selbstlaute besser gehört, aber Zwischenlaute fehlen häufig. Praktisch bedeutet das, daß es in der spielerischen Kommunikation zum quälenden Ratespiel werden kann. Fehlinterpretationen oder fehlende Rückkopplung sind die Folgen, wie Du schon oben angedeutet hast. Der hörgeschädigte Partner muß in der devoten Rolle ungewollt nachfragen. Das kann für einen hörgeschädigten submissiven Partner eine höchst unerotische, bisweilen sogar von Angst besetzte Situation bedeuten. Dadurch erscheint es vielen hörgeschädigten Menschen vielleicht auch unmöglich, sexuelle Wünsche realisieren zu können. Da ist gegenseitiges Vertrauen und sehr gute Kenntnis voneinander noch mehr gefragt. Sicherheit kann sich der dominante Partner verschaffen, in dem er den hörgeschädigten devoten Partner spielerisch mit Nachdruck dazu auffordert, die Befehle zu wiederholen. Im passenden Kontext ist es damit keine Einschränkung mehr, sondern ein Element, daß beiden Seiten mehr Sicherheit bietet und vielleicht auch ganz unverhofft eine verbalerotische Bereicherung sein kann. Gerade in solchen Situationen sollte man die Mimik nicht unterschätzen. Der strenge, strafende Blick oder der fordernde, fragende Blick ..... usw. Da wird nicht einfach z.B. der strafende Blick wahrgenommen. Feinere Nuancen liegen da noch zwischen den vermeintlich klaren Signalen.

Ob nun mit oder ohne Hörgeräten oder anderen Hörhilfsmitteln. Das kommt ja wohl auch ganz darauf an, in wie weit das von beiden Partner gewünscht oder gefordert wird. Die Möglichkeiten sind ja vielfältig und müssen sich nicht immer zwangsläufig an eine akustische Wahrnehmung binden.

Ist der dominante Partner schwerhörig, kann es durchaus hilfreich sein, daß er weniger mit Worten den Verlauf "bestimmt". Also auch weniger den devoten Partner zu lautsprachlichen Reaktionen animieren. Wie schon geschrieben, haben hörgeschädigte Menschen je nach Stärke ihrer Hörbeeinträchtigung oft ein sehr gutes Gespür entwickelt und eine bemerkenswerte Beobachtungsgabe für Signale entwickelt, die jenseits der akustischen Wahrnehmung liegen. Das kann für den guthörenden submissiven Partner eine überraschend schöne Erfahrung sein, die genauso vertrauensfördernd sein kann.

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Im Rollstuhl sitzen

Warum ist der Kontakt zwischen Behinderten und Nichtbehinderten so schwierig?
Besonders auffällig ist dies bei den "offensichtlichen" Behinderungen; beispielsweise, wenn jemand im Rollstuhl sitzt.

Nicht nur durch unsere Kinder, sondern längst vorher durch verschiedene Aktivitäten meinerseits und nun in Zusammenhang mit dieser Artikelserie ist es mir allerdings wiederum bewusst geworden, dass die Schwierigkeiten im Verständnis beidseitig sind.
Die Mahnung, die in einer solchen Feststellung liegt, geht also nicht nur an die Adresse der Nichtbehinderten.

Wer behindert ist, hat gute Gründe für Misstrauen und Vorsicht; schlechte Erfahrungen nicht zuletzt.
Andererseits kann auf der anderen Seite kein Verständnis für etwas wachsen, das man nicht nachvollziehen kann, weil man keine Informationen darüber hat.
Auch bei uns gibt es zum Teil gute Gründe für eine gewisse Vorsicht, wenn wir etwa auf einen Rollstuhlfahrer treffen. Das Wissen, wie unangenehm aufgedrängte Hilfe sein kann; Unkenntnis, Unsicherheit.
Natürlich gibt es ebenso dumpfen Voyeurismus und dümmliche Ablehnung.

Oft genug jedoch braucht es nur einen kleinen Schritt, allerdings von beiden aus, um die Barriere zu überwinden, die in unserer Gesellschaft die Behinderten ausgrenzt.
Wie wichtig eine solche Kommunikation ist, kann nicht oft genug wiederholt werden.

In der Erotik wirkt unzureichende Kommunikation sich am schärfsten - und am verletzendsten aus.

Da jede Behinderung anders ist, und ohnehin in Bezug auf die Erotik jeder Mensch individuell, kann dieser Artikel keine umfassenden fertigen Lösungen bieten, sondern nur Denkansätze.
Er ist keine allgemeingültige Information, sondern lediglich ein erster Einblick und Anfang.

In manchen Fällen, keineswegs jedoch grundsätzlich führt die Ursache für den Rollstuhl wie etwa die Querschnittslähmung zu direkten physischen Einschränkungen beim Sex.
Die Empfindungen fehlen vollständig oder sind in der Intensität wenig bis gravierend vermindert; werden praktisch wie durch eine Wattewand wahrgenommen.
Und: Man/n bekommt keinen hoch, frau wird nicht feucht, um es einmal ganz platt auf den Punkt zu bringen; ein Orgasmus ist unter Umständen nicht möglich.

Wenn es lediglich Schwierigkeiten gibt, eine Erektion zum Beispiel aber nicht völlig ausgeschlossen ist, können erektionsfördernde Spritzen oder stimulierende Salben eine Hilfe sein.
Was Frauen angeht, ist die Industrie anscheinend noch nicht so weit; wobei sich das, was für Männer eine Rolle spielt, nämlich die Feuchtigkeit für den Geschlechtsverkehr, ja ebenfalls künstlich erzeugen lässt, per Gleitcreme. Immerhin dürften die stimulierenden Salben bei Frauen ähnlich hilfreich wirken wie bei Männern.

Die seelische Belastung ist dennoch enorm.
Damit fertig zu werden, es für sich selbst zu akzeptieren, ist schwer genug.
Umso schlimmer, wenn sich, ab und zu ohne dass dieser Prozess bereits beendet wäre, die Frage der Akzeptanz durch die Berührung mit einem - möglichen - Partner erneut und umso einschneidender stellt.

Es gibt Ersatz für das miteinander schlafen und für den Orgasmus; aber jeder wird zugeben, es ist oft genug ein armseliger Ersatz.
Obwohl vielfach die Wirkung von Berührungen an anderen Stellen, nicht nur ausdrücklich erogenen Zonen wie dem Brustbereich, dafür weit intensiver ist.
Und sich ohnehin sehr viel im Kopf abspielt.

Reden wir aber diese gravierende Einschränkung im Leben nicht schön, die eine enorme Belastung für eine Partnerschaft sein kann, auch wenn das Sprechen darüber ihr manche Spitze nehmen kann.
Wobei es jedem schwer fällt, über Intimes zu reden; wie viel mehr einem Menschen mit einer Behinderung - vor allem wenn sie sich direkt erotisch auswirkt.
Und zumal, wenn womöglich andere Probleme dazukommen; das Angewiesensein auf Hilfe bei der Körperpflege, Inkontinenz zum Beispiel.
Aber, Himmel, wer eine perfekt funktionierende Maschine ohne Fehler und ohne eigene Bedürfnisse will, der soll sich einen Roboter als Partner suchen. Auch nicht recht? Ja, eben!

Sehen wir, gerade als SM'ler, auch etwas anderes. In einer solchen Beziehung können gerade die Spiele der Sinnlichen Magie, die nicht auf eine direkte körperliche Erregung und Befriedigung abzielen, eine echte Chance sein, Liebe körperlich auszuleben.

Es gibt Grenzen für dieses Ausleben.
Die ohnehin gegebene Thrombosegefahr bei Rollstuhlfahrern fordert äußerste Vorsicht bei (möglichen) Verletzungen wie eben auch Striemen. Bekannte Hilfsmittel sind dabei Stützstrümpfe, die heutzutage keineswegs alle Liebestöter sind, sondern elegant genug, ohne Probleme ins Spiel miteinbezogen zu werden, und entsprechende Spritzen.
Fehlt womöglich die Schmerzempfindlichkeit oder ist sie eingeschränkt, ist die Verantwortung des dominanten Partners umso größer. Wobei hier wie überall SM auf der Basis ruht, dass man miteinander spricht; auch über all solche Dinge.
Bei spastischen Lähmungen kann der Schmerz zu einem Anfall führen, der wiederum Schmerz auslöst und so zu einem Teufelskreis führt. Darüber hinaus kann hier unter Umständen nur durch Medikamente überhaupt erreicht werden, dass Sexualität möglich wird. Was die Freude daran nicht unbedingt erhöht.

Mit Verständnis und Behutsamkeit sowie verstärkter konstanter Rückkopplung können solche Gefahren vermieden und die Situationen einfacher werden, in denen "nichts geht".

Muskelschwäche als Ursache für Räder statt Beinen zur Fortbewegung kann die reine Beweglichkeit so erschweren, dass Sex an sich, erst recht natürlich SM-Spiele, deutlich erschwert werden.
Dasselbe gilt, in stärkerer Form, für die vollständige Lähmung.
Das allerdings sollte für den dominanten Partner, der ein wenig denken kann, allenfalls eine Herausforderung sein, sich geschickte Hilfsmittel zu überlegen.
Ein Flaschenzug kann sehr hilfreich sein; Kissen stützen ebenso wie die niedlichen kleinen Lederhocker, die überhaupt so praktisch sind.

Manche Dinge wie Petspiele sind bei einem devoten Partner im Rollstuhl schlicht ausgeschlossen; aber die Vielfalt ist groß genug, sehr viel dennoch zu ermöglichen.
Ein Bondagesack oder eine entsprechend verstärkte und ergänzte "Schaukel", eine Sling, können handfeste Unterstützung bieten.

Dominanz vom Rollstuhl aus auszuüben, verlangt ebenfalls vom nichtbehinderten Partner nicht mehr als ein wenig "Entgegenkommen"; was einem hingebungsvollen Menschen nun wirklich eine reine Freude sein sollte.
Befehle kann man schließlich in jeder Haltung erteilen; und was im Sitzen nicht geht, muss eben der devote Partner erledigen - natürlich unter entsprechender Aufsicht.
Wobei der eine oder andere Gertenhieb sicherlich eine gute Unterstützung bietet ...

Auch die Einbeziehung eines weiteren Partners kann eine Lösung sein; allerdings ist dies nicht jedermanns Sache..

Kurz: Es ist vieles nicht so einfach; aber dennoch möglich.
Und gerade die rein praktischen Erschwernisse können genauso gut mit ins Spiel eingebunden werden.
Eine Zweck-Suspension per Flaschenzug kann schließlich mehreren Zwecken dienen und dieselben Vorteile bieten wie eine "zweckfreie" per Seil ...

Klar; es ist keineswegs ein Traum, im Rollstuhl zu sitzen. Das muss man nicht gesondert erwähnen.
Ebenso wenig, wie es ideal ist, arbeitslos zu sein.
Oder depressiv.
Beides glücklicherweise in den meisten Fällen weniger von Dauer, wenn auch vielleicht im jeweiligen Augenblick nicht viel weniger belastend.

Liebe schließt das aber nun ganz und gar nicht aus; auch die körperliche nicht.
Könnten wir nur ideale Menschen lieben, wäre dieses wunderbare Gefühl mittlerweile lange, lange ausgestorben.

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Heimunterbringung

Wer infolge seiner Behinderung in einem Heim wohnt, hat mit ganz erheblichen praktischen Einschränkungen und Problemen zu kämpfen.
Auch, was sein Sexualleben angeht.

Wer allein lebt und über die äußeren Umstände seines Lebens weitgehend selbst bestimmen kann - ganz ist das natürlich bei niemandem der Fall - der kann nur schwer nachvollziehen, was es bedeutet, praktisch konstant unter Aufsicht zu stehen.
Auch wenn die Privatsphäre meistens schon respektiert wird, handhaben das die Betreuer doch recht unterschiedlich und manchmal - im Zweifel natürlich in der besten Absicht - durchaus streng.

Die meisten von uns stehen morgens nicht auf, wenn sie wollen, sondern wenn der Wecker klingelt.
Wir empfinden das schon oft genug als zermürbend und freuen uns auf das Ausschlafen am Wochenende.
Im Heim gibt es ein solches Wochenende meistens nicht.
Auch Samstag und Sonntag bestimmt im Zweifel ein anderer über das Aufstehen.
Und: Wann wir abends zu Bett gehen, bleibt in jedem Fall uns überlassen.
Für einen Heimbewohner ist dies anders.

Wenn Sie Angst haben, Ihre Frau kriegt es mit, wenn Sie sich abends einen runterholen, können Sie sich immer noch ins Arbeitszimmer oder aufs Klo verziehen.
Wer im Heim lebt, hat überall andere Menschen um sich und feste Regeln, die die Benutzung der Räume organisieren. Im Gemeinschaftsraum oder - klo ist es nun einmal nichts mit der Selbstbefriedigung - und im eigenen Zimmer, wenn man das Glück hat, eines allein zu haben, gibt es immer Nachbarn und oft genug dünne Wände.

Dieses streng geregelte Leben mit seinen Einschränkungen kann dazu führen, dass jemand mit der Verantwortung freier Entscheidungen schlechter zurechtkommt.
Auch wer eigentlich gar nicht so unselbständig ist, wird durch die Umstände unselbständig gemacht.

Es ist auf jeden Fall etwas, auf das wir Rücksicht nehmen müssen, wenn wir eine Beziehung zu jemandem eingehen wollen, der, aus welchen Gründen auch immer, in einem Heim lebt.

Sobald dann die erotischen Neigungen noch außerhalb dessen liegen, was von vielen als "Normalbereich" erkannt wird, also beispielsweise homosexuell sind oder sadomasochistisch, ist eine Verwirklichung der Träume allein außerhalb einer solchen Einrichtung möglich.

Was durchaus Gefahren mit sich bringen kann - die berühmte "schlechte Gesellschaft", um es einmal platt anzudeuten, in die man sich möglicherweise angesichts der strikten Regeln im Heim nur zu gerne begibt.
Man wird einfach schneller ausgenutzt, wenn man mit offenen Armen auf etwas reagiert, das reizvoll vor allem im Gegensatz zum sonstigen Umfeld ist.
Auch dies sei hier einmal erwähnt, weil es leider nicht nur ein Vorurteil ist.

Aber zurück zum eigentlichen Thema.

Der erste Kampf beginnt mit dem rein praktischen Problem: Besuche aufs Zimmer sind nicht immer und in jedem Fall nicht zeitlich unbegrenzt erlaubt; schon gar nicht, wenn der Besucher vom anderen Geschlecht ist.
Das erschwert zärtliche Stunden ungemein.
Dinge, die für eine bestimmte Lautstärke sorgen, wie beispielsweise SM-Sessions, sind so eigentlich gänzlich ausgeschlossen.

Lebt der potentielle Partner außerhalb, kann man noch gefahrlos ausweichen und sich bei ihm treffen.
Dann gilt es nur die manchmal auch nicht weniger restriktive "Ausgehsperre" ab einer bestimmten Stunde zu beachten.
Vielleicht kann man auch ab und zu einen "Urlaub" beantragen.

Wohnen beide in einem Heim, existiert dieser Ausweg nicht. Hier ist man darauf angewiesen, immer wieder kurze Zeiträume entweder offiziell, oder aber verboten zu stehlen.
Das ist wie ein permanenter Seitensprung zwischen zwei Workoholics, der auf keinen Fall herauskommen darf - die zermürbende Anstrengung dabei übersteigt bei weitem den Reiz daran.
Oder erinnern Sie sich noch an Ihre Teenagerzeit? Der Stress, der dabei entstehen kann, dass man nirgendwo auch nur ungestört knutschen kann, ist enorm. Er kann zu großem Leidensdruck führen.
Das wird vor allem jene Beziehungen betreffen, die sehr eng und von gegenseitiger, starker (auch sexueller) Abhängigkeit geprägt sind - beispielsweise im Rahmen eines dominant-devoten Rahmens.

Ein möglicher Ausweg ist es manchmal, sich durch die Entscheidung für eine eigene Wohnung diesem Stress zu entziehen.
Eine sehr offene Beziehungsberatung, die auch die sexuelle Abhängigkeit und spezielle Neigungen mit anspricht (zumindest wenn Anhaltspunkte in diese Richtung deuten), wäre in diesem Zusammenhang ausgesprochen hilfreich.
Für viele Betroffene wird das allerdings eine nur schwer zu überwindende Hürde darstellen.

Wie vertrauensvoll wird mit dem umgegangen, was man erzählt?
Erkennen die Betroffenen den Ausweg auch als solchen an, trotz der damit verbundenen, auch finanziellen Belastungen und der praktischen Erschwernis?
Wie stabil ist die Beziehung, und wie stabil wird sie mit der entsprechenden Unterstützung?
Wie begründet man eventuell für den Kostenträger die angestrebte eigene Wohnung?
Diese und noch viele andere Fragen tauchen in diesem Zusammenhang auf.

In manchen Fällen kommt zumindest dann eine etwas weniger rigide Form des Wohnens in Betracht, sobald eine echte Beziehung bereits entstanden ist, weil man sich dann gegenseitig helfen kann.
Für einen Nichtbehinderten kann eine solche Partnerschaft eine enorme Belastung sein - darüber muss man sich im klaren sein.
Die Belastung ist jedoch nicht größer, als wenn aus einer Beziehung heraus einer plötzlich krank wird - dann wirft man den anderen auch nicht zum Müll, nur weil die Belastungen steigen.
Sind die Belastungen von Anfang an gegeben, kann man sich sogar weit besser darauf einstellen.

Liebe, die nicht allein aus sexueller Anziehung besteht, spürt die Belastungen auch - aber sie nimmt den Partner dennoch an.
Und stellt oft genug fest, das Zusammenleben mit einem Behinderten ist auch nicht schwerer als das Zusammenleben mit einem Alkoholiker, einem Neurotiker, einem Choleriker - oder was auch immer wir "normale" Menschen so an partnerschaftlichen Belastungen auf die Waage bringen.

Wenn sich zwei behinderte Menschen zusammentun, kommt vielleicht zumindest das betreute Wohnen statt der Heimunterbringung in Frage.
Unterstützung ohne erstickende Aufsicht.

Einander zu haben, sich aufeinander verlassen zu können, macht manchmal diesen Schritt aus der völligen Kontrolle heraus möglich; zumal, wenn die Verhütung versagt hat.
Auch hier geht es nicht ganz ohne Hilfe - aber wahre Hilfe ist die, die nicht mehr stützt als nötig, weil sie sonst einengt, statt zu helfen.

Auf jeden Fall sollte man sich darüber im klaren sein, dass die Unterbringung in einem Heim allein die erotischen Wünsche nicht unterdrückt.
Englische Internatszöglinge wissen ein Lied davon zu singen.

Mit verständnisvollen Sozialarbeitern etc. lässt sich da mehr erreichen als mit zu strikter Aufsicht, die irgendwann zu völliger Verzweiflung führen kann - oder aber zu einer Explosion mit ungeahnten Folgen.
Für Aufklärung insbesondere über Verhütung und safer Sex zu sorgen, ist sinnvoller als ein Einsperren der Menschen, die im Leben ohnehin schon auf so viel verzichten müssen.

Unsere Gesellschaft definiert sich über einen "normalen" Menschen, den es ohnehin nicht gibt.
Jeder, dem etwas fehlt, was zu diesem Idealbild gehört, der wird abgestempelt und bekommt mehr oder weniger Schwierigkeiten.
Sind die Unterschiede schwer aufzuzeigen wie beispielsweise bei Charakterschwächen, hat man es leichter.

Wo aber die Differenzen auffällig sind, bei körperlicher oder geistiger Behinderung, da wird man sehr schnell als ein nicht normaler Mensch angesehen; einer, der ein ganz kleines Stückchen weniger menschlich ist als man selbst.
Diese defizitorientierte Abwertung führt dazu, dass wir die positiven Seiten gar nicht sehen.
Entweder sehen wir nicht, was für ein großartiger oder eben auch nur ganz "normaler" Mensch ein Behinderter ist, weil wir am liebsten überhaupt nicht hinsehen und gar nichts mit etwas zu tun haben wollen, was uns doch selbst jeden Tag treffen kann.
Oder wir sehen es nicht, weil unser Blick am Defizit hängen bleibt; etwa am Rollstuhl.
An der Heimunterbringung.

Wenn der Blick sich vom Rollstuhl löst und mehr zum Gesicht wandert, ist der erste Schritt schon getan.
Und der ist nun wirklich nicht schwer.

Wer sich natürlich toll genug fühlt, selbst bei einer solch defizitorientierten Betrachtung noch als Superman oder Superwoman dazustehen, der möge weiter die Nase rümpfen.

Alle anderen allerdings sollten sich vielleicht lieber an dieselbe fassen und aufhören, zu ignorieren, zu verurteilen oder zu verachten.

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